Die Textproben sind chronologisch geordnet. Ortanangaben eingefügt:
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. Wir fällen sie und verwandeln sie in Papier, um unsere Leere festzuhalten.
Khalil Gibran, »Sand und Schaum«, 1926
(Hamburg)
Sie nahmen die Hochbahn. Die Trasse führte unten am Hafen entlang, vorbei an den Docks, Schleppern und Barkassen, verschwand unter der Erde und verlief dann ein Stück neben einem der vielen Kanäle. Sie kannte die Strecke. Ihr gefiel der Abschnitt, wo die Gleise auf Stelzen zwischen den Häusern hindurchglitten, großzügige Etagenhäuser mit reich geschmückten Jugendstilfassaden, die kaum beschädigt waren und eine Ahnung davon vermittelten, wie die Stadt vor dem Krieg ausgesehen hatte. Doch sie stiegen kurz davor aus. Die Haltestelle hieß Hoheluft und lag parallel zum Wasser. Ihr Begleiter sagte, nun seien sie gleich da. Auf der Treppe hinunter hatte sie das Gefühl, ihre Knie würden nachgeben. Sie griff instinktiv nach seinem Arm. Er zuckte zusammen und lächelte.
Es seien nur noch ein paar Schritte, sagte er. Sie mussten nach Norden, über den Kanal. Die Szenerie lag in frühes Abendlicht getaucht. Vierspuriges Kopfsteinpflaster, darauf die Bänder silbrig schimmernder Straßenbahngleise. Nun sah sie auch das zerbombte Areal, von dem er gesprochen hatte. Es war keine weitläufige Brache, nur zwei oder drei Fußballfelder groß. Kiesel kullerten ihr durch die Magengrube. Furcht und banges Hoffen.
Gleich würde sie den Fremden treffen, den Einsiedler, der ihren Mann angeblich gekannt hatte. Er war ihm damals in Polen begegnet, im Lager. Das wusste sie von dem Mann, der neben ihr ging.
Eigentlich hatte der sie nur bis an den Zug begleiten wollen. Dann standen sie auf dem Bahnsteig, und er druckste plötzlich herum, da sei etwas, das er ihr vor der Abreise noch sagen müsse. Er habe da etwas gehört, von einem ehemaligen Konzentrationär. Fraglich, ob es tatsächlich zutreffe, doch die Orts- und Zeitangaben stimmten überein. Dieser Mensch wisse Details, die bloß einer wissen könne, der den Betreffenden selbst gekannt habe.
Ihr Kopf schwirrte. Wenn das wahr war! Mein Gott, wenn das wirklich wahr war! Nach so langer Suche!
Er räusperte sich. Skeptischer Mund, spöttisch gekräuselte Lippen. Er wolle ihr keine falschen Hoffnungen machen. Angesichts der vielen Enttäuschungen. Seit damals. Seit dem Verrat. Seit zehn Jahren.
Es sind über zehn Jahre!, schrie es in ihr. Zehn Jahre, zwei Monate und dreizehn Tage. Jeden einzelnen davon habe ich gezählt.
Doch sie blieb stumm. Das Herz pochte ihr bis in den Hals. Die Vorstellung, dass der Fremde ihren Mann tatsächlich gekannt, er ihn atmen, reden, fluchen und lachen gehört hatte, verschlug ihr die Sprache.
Sie dachte sofort an seine Stimme. Das war das Erste gewesen, was sie an ihm bezaubert hatte. Diese Stimme, die in ihren Ohren wie Musik klang, die sie liebkoste, wenn er ihr Namen gab, sie neckte und umschmeichelte, ein ganzes Universum an Farben und Melodien.
Sie musste sofort hin. Es duldete keinen Aufschub. Sie hatten ihren Koffer zur Gepäckaufbewahrung gewuchtet. Später gehe ein anderer Zug. Sonst fahre sie eben morgen.
Jetzt sind sie beinahe da.
Die Abendluft ist kühl, schon mit einer Ahnung von Herbst darin. Sie spürt nichts davon. Ihr ist fast übel vor Nervosität. Der Hunger auf Gewissheit.
Ihr Begleiter erklärt gerade erneut, der Fremde sei wunderlich. Einer von denen, die bloß physisch der Hölle entronnen seien. Deren gequälter Geist bis heute im blassblau-grauweißen Häftlingsdrillich stecke. Ein Riese, kräftig wie ein Bär, mit verkrüppeltem Gemüt. »Nachts schreit er. Tagsüber prügelt er um sich.«
Sie zuckt die Achseln. Das schreckt sie nicht. Sie schreckt nur noch wenig.
»Er war im Krematorium«, sagt er und erzählt ihr, dass sie ihn gezwungen hätten, die nackten verkeilten Leichen aus den Gaskammern zu zerren und sie in die Öfen zu schieben. Das habe ihm einen »Knacks« verpasst. Nun lebe er wie ein Höhlenmensch. In einem Keller unter den Ruinen.
»Da kann er so laut schreien, wie er will.«
Ihre Schultern tanzen. Sie schaudert. »Wo?«, hört sie sich sagen.
»Gleich dort drüben muss es sein.« Er deutet auf die Trümmerlandschaft. »Zwischen Straßenbahndepot und Bunker. Wo früher der Schwarzmarkt war.«
Sie denkt an Zigarettenwährung und daran, dass es sie nicht interessiert, wo hier der Schwarzmarkt war. Momentan fiebert sie nur darauf, dem Höhlenmenschen gegenüberzutreten. Ihn selbst zu fragen. Und fleht, dass er klar genug sein wird, sich zu erinnern.
Zehn Jahre Selbstvorwürfe, fragen, warten, suchen, beten, hadern. Auch verzagen. Obschon sie nie wirklich verzweifelt ist. Sie hat immer gewusst, tief in ihrem Innersten, dass sie ihn eines Tages finden wird. So oder so. Sie wird ihm nahe sein. So nahe es eben geht, und sei es durch das Gedächtnis eines seiner Leidensgefährten. Nahe genug, um das zu tun, was sie sich und ihrer Liebe schuldet.
Sie hastet voraus, als ob sie den Weg kenne, so rasch, dass es dem Mann hinter ihr schwerfällt, Schritt zu halten.
Sie sind nach rechts geschwenkt, von der Straße ab auf einen Trampelpfad durch die Schuttberge. Vereinzelt stehen noch Mauerreste. Abgerissene Stahlträger ragen wie verstümmelte Finger ins Leere. Grotesk verzogene Rohrleichen, geborstene Ziegel, rot und weiß, in den Farben dieser Stadt. Kachelscherben, halbe Küchenwände, vom Regen zerwaschene Tapetenreste. Eine löwenfüßige Emaillebadewanne, die als versinkende Barke inmitten üppiger Grasbüschel treibt. Verkohltes Holz, Balkenstümpfe, ein zerquetschter Kinderwagen, Melde, Birkenschösslinge und Gestrüpp.
All das Leid, durchzuckt es sie. Sie denkt an die Menschen, die hier einst gelebt haben, geweint, gelacht, gestöhnt, geflüstert. Sie hasst sie nicht mehr. Bei Lichte besehen hat sie sie nie gehasst. Nicht die Frauen, Kinder und Säuglinge, nicht die Alten und die Krüppel. Sie hat die in Uniform bekämpft und einige davon getötet, doch eher so, wie man Raubtiere tötet. Oder tollwütige Hunde. Weil es sein muss. Gehasst hat sie andere. Die, die sich freiwillig auf die falsche Seite schlugen, die die Wahl hatten und sich selbst verrieten. Denen hat sie bis heute nicht verziehen.
Sie sind in der Mitte des Areals angelangt. Ihr Begleiter geht noch immer hinter ihr.
Sie seien da, sagt er. Er muss sich täuschen, denkt sie. Sie entdeckt den Fremden nirgendwo. Da ist nichts, das entfernt nach einer bewohnten Behausung aussieht. Doch als sie sich umdreht, begreift sie, auch den tieferen Sinn des Satzes, dass man sich vor seinen Wünschen hüten soll. Sie hat sich eine halbe Sekunde zu spät umgedreht. Sie wird ihrem Geliebten wirklich gleich sehr nahe sein. Ihr Begleiter trägt jetzt dünne glatte Lederhandschuhe. Es ist fein gegerbte Vorkriegsware vorzüglicher Qualität, allerdings weder der Ort noch die Zeit, um sich damit zu schmücken, und sie steht unterhalb von ihm, am Rand einer Grube, von wo es kein Entrinnen gibt.
So, genau so, haben sie es bei ihm auch gemacht. Wie absurd.
(Marseille)
Der Philister nahm die Landstraße nach Cassis. Die folgt den Buchten der Calanques durch bizarre Kalkformationen. Über die Autobahn wäre es vermutlich schneller gegangen, doch ich kannte die Strecke. Von hier aus überblickte man ganz Marseille: das Château d'If, den alten Hafen, das Fort und die strahlenden Konturen der Notre-Dame de la Garde. Die Route windet sich weit oberhalb des Wassers über den Mont de la Gineste. Bewegt man sich nach Osten, liegen linker Hand steil aufragende, zerklüftete Hänge, rechter Hand fast lotrecht abfallende Felsen.
Tief unter mir sah ich die Klippen, umbrandet von einer Orgie aus Weiß, Türkis und Azur. Das Meer schimmerte dunkelblau, hart abgesetzt gegen den Horizont, bis auf das gleißende Oval, das die Mittagssonne spiegelte. Entlang der Straße gab es fast nur Geröll und karstiges Gestein, vereinzelt auch Pinien und Kiefern, die sich in die Hänge krallten. Und Dornengestrüpp, als Vorboten der Macchia.
Trotz der Hitze fuhr ich offen. Ich hasse Aircondition. Der Fahrtwind glühte, aber es fühlte sich gut an auf der Haut. Ich musste eine Sekunde an Lee Clayton denken. Auf Axels CD rollten gerade die Doors heran. Jim Morrison liegt seit fast vierzig Jahren in Paris auf dem Père Lachaise neben Edith Piaf und Oscar Wilde, doch sein Timbre kommt immer noch gut, besonders live, sofern er bei den Aufnahmen nicht völlig blau gewesen ist.
Der Verkehr war überraschend dünn und das Asphaltband schmal. Daneben gab es nur ein kniehohes Steinsims, dann ging es steil abwärts. Als ich gerade dachte, die Strecke sei ideal, um ungeliebte Menschen loszuwerden, bemerkte ich, dass das schwarze Sport Utility Vehicle, das mir schon seit einer Weile folgte, stetig aufholte. Da außer der Autobahn sonst keine Landverbindung existiert, machte ich mir darüber keine Gedanken, zumal der wuchtige Wagen eben noch einen halben Kilometer hinter mir gewesen war. Nun verkürzte sich die Distanz. Ich erkannte, dass es sich um einen Cadillac Escalade handelte. Die zwei Männer darin hatten es anscheinend auf einmal extrem eilig.
SUVs sind Detroits Antwort auf die globale Erwärmung. Drei Tonnen Blech, um achtzig Kilo Mensch zu befördern. So sinnträchtig wie Marie Antoinettes Morgentoilette. Das bullige Teil war jetzt kurz hinter mir. Trotz der getönten Scheiben konnte ich erkennen, dass die beiden Insassen dunkle Angeberbrillen trugen. Sie passten zu dieser Sorte Gefährt. Zumindest hätten sie es auf dem Hamburger Kiez getan. Manche Visagen, die ich daheim verkoksten Galgenvögeln zugeordnet hätte, gehörten hier ordinären Alltagshaien, die völlig legal Geld schaufelten. Ich war bloß Tourist. Zum soziologischen Feintuning fehlte mir das geschulte Auge.
Die ersten Takte des »Roadhouse Blues« krachten durch die Lautsprecher. In der Studioversion spielen Lonnie Mack und John B. Sebastian an Bass und Harmonika mit. Davor pendelt Morrisons furioses Timbre. Ich drehte den Regler hoch und konzentrierte mich auf Jimmys »Keep your eyes on the road, your hands upon the wheel ...« Das Motto war extrem apropos.
Der Cadillac blendete auf. Setzte zum Überholen an. Musste der Schwachkopf sich unbedingt diese Stelle aussuchen? Weiter vorn war eine Linkskurve. Falls ihm da jemand entgegenkam, wurde es eng. Wir lagen fast parallel, als ich sah, dass der Beifahrer die Seitenscheibe heruntergelassen hatte. Er hielt etwas Schwarzes in der Hand, das auch auf den zweiten Blick nicht wie ein Handy aussah.
Nun begriff ich, wieso Hannah mir nur eine SMS geschickt hatte. Sie hatten sie gezwungen. Der mysteriöse Besuch in der Pension war kein Einbruch gewesen. Dies war Plan B. Der Weg als Ziel. Mein Abgang durch das niedliche Steinsims, getarnt als tragischer Unfall eines dummen deutschen Kurzurlaubers, der Risiken und Nebenwirkungen der D 559 nach Cassis unterschätzt hatte. Bei der Fallhöhe erübrigte sich jede Autopsie. Nur warum, um Himmels willen? Die Knaben wirkten nicht, als habe Weiden sie engagiert. Wem war ich in die Quere gekommen?
Hier ging es um das Verschwinden einer Frau vor weit über fünfzig Jahren, den Ruf eines Autors und massive Kollateralschäden an der Imagefront. Kein Pappenstiel, gewiss, aber auch nichts, was diese Art Kündigung rechtfertigte. Doch die zwei Herren meinten es eindeutig ernst. Wer hatte mich hier nicht mehr lieb?
Ich zog den Citroën nach links, direkt vor die Schnauze des Cadillacs, sodass ich aus der Schusslinie kam, schaltete runter und gab Gas. Das Getriebe kreischte. Mein Verfolger bremste instinktiv ab. Ich gewann gut zehn Meter, aber obwohl der Citroën leichter war, hatte seine Maschine nicht genügend Biss. Der Cadillac zog nach und hängte sich an mein Heck. Die nächste Kurve meinte es gut mit mir. Das Schlittern hörte sich an wie ein halber Zoll Gummi, doch ich blieb in der Spur. Es ging ein Stück abwärts, etwa dreihundert Meter, auf eine scharfe Biegung nach rechts zu. Noch immer kein Gegenverkehr.
Die SMS erwähnte das Café in Sanary. Sie wussten bestens Bescheid. Schwerlich durch Hannah oder mich. Nur wodurch dann? Wanzen? Handy? Observation? Ich hatte keinen Schimmer. Sie waren gut. Ich hatte nichts von ihnen mitbekommen und war im Begriff, dumm zu sterben.
Der wuchtige Rhythmus des Basses, das Kreischen der Harmonika, der spitze Diskant des Klaviers und das Peitschen des Schlagzeugs als Klangteppich, über den Morrisons Organ wie eine orgiastische Dampfwalze rollte, während meine Handflächen am Lenkrad brannten.
»The future is uncertain and the end is always near ...«
Meine Zukunft war in der Tat unsicher.
Du singst begnadet, Jimmy. Aber ich will nicht auf französischer Erde sterben wie du. Jedenfalls nicht so. Ich möchte noch eine Weile mitspielen. Meine Tochter wachsen sehen. Mit ihrer Mutter alt werden.
Hundertzehn. Gleich die Kurve. Links erwischt dich nur der Fels, doch dann bist du auch geliefert. Geh in die Eisen!
Hoffentlich hatte Hannah nicht versucht, tapfer zu sein. Sie war der Typ dafür. Darin ähnelte sie Conny. Leider gewannen im wahren Leben meist die Falschen. Bei Folter sowieso. Ich merkte, dass ich dringend pinkeln musste. Warum hatte ich das nicht erledigt, als dazu noch Zeit gewesen war? Egal. Wenn diese Tour in die Binsen ging, wurde es eh nichts mehr mit der schönen Leiche.
Denk nach! Es ist derselbe Auftraggeber, dem du den Besuch gestern verdankst. Irgendwer, dem du höllisch auf die Zehen getreten bist. Einer, der so wütend oder so ängstlich ist, dass er dich unbedingt loswerden will.
Manchmal ist das Dasein absurd. Vielleicht verwechselten sie mich und jagten einen, der zehn Kilo Koks unterschlagen hatte. Ich peitschte die Tachonadel auf hundertvierzig, fuhr übertourt, würgte die Gänge runter. Der Motor röhrte waidwund. Auf einem Teilstück war die Strecke fast gerade, ungefähr tausend Meter, und ich gönnte dem Citroën sogar den fünften. Rätselhafterweise blieb die Straße leer. Kein Gegenverkehr. Gespenstische Mittagspause. Geisterfiesta, niemand unterwegs. Nur ich und der Cadillac. Ein panisches Karnickel, das vor dem Wolf wegzulaufen sucht. Wobei der Wolf souverän mit ihm spielte, es ein Stück vorhoppeln ließ, um es dann wieder lässig einzuholen. Die zwei Männer grinsten. Es machte ihnen Spaß. Sie kannten die Route. Sie wussten, an welcher Stelle sie zum Fangbiss ansetzen mussten.
Jim Morrison war bei der Dame aus Asche gelandet. Die sollte ihre Schwüre aufgeben und die Stadt retten. Damit meinte er im Zweifelsfall Los Angeles. Ich kenne Los Angeles nicht. Nicht persönlich. Alles, was ich je davon gesehen habe, durch eine Talsenke in der Wüste, aus ungefähr neunzig Meilen Entfernung, ist seine Smogwolke, ein gigantischer braungrauer Dunstpilz am Horizont. Die Erinnerung daran war mir plötzlich ganz präsent. Dabei stammte sie sozusagen fast aus einem anderen Leben, einem, in dem ich als junger Mann einen 73er Buick von Long Island nach Fresno überführe. Eigenartig, was einem so einfällt, wenn die letzten Sandkörner durch das Stundenglas rieseln.
Ich verliere das Rennen. Der Cadillac ist stärker und schneller. Nun, wo die Straße wieder abschüssig wird, weil wir den höchsten Punkt hinter uns gelassen haben, hört er auf zu spielen und macht ernst. Bei der nächsten Kurve fällt das Beil.
Ich sah das lächerlich niedrige Sims auf mich zurasen. Das SUV scherte aus und glitt auf meine linke Seite. Es war jetzt fast auf einer Höhe mit mir. Ich registrierte, dass der knochige Mann mit der Waffe miserable Zähne besaß. Höchstens noch achtzig Meter. Knapp zwei Sekunden.
»Ashen lady, ashen lady, give up you your vows. Save our city, save our city, right now!«
Beim »Right now!« schloss ich die Augen und rammte das Bremspedal bis zum Anschlag in das Spritzblech. Das ABS des Citroëns war nicht ganz so hervorragend austariert wie das des Cadillacs. Er fauchte an mir vorbei. Der Citroën schlingerte wie ein Volltrunkener, was eventuell an der Handbremse lag, die ich zusätzlich hochgerissen hatte. Im Zweifelsfall hätte weder noch viel genutzt, denn auch der Geländewagen verfügte über modernste Technik und wäre gewiss rechtzeitig zum Stehen gekommen. Aber manchmal helfen Gebete. Selbst die von toten versoffenen Rocksängern.
(Mölln)
Blankensee war früher ein Militärflughafen. Nach dem Krieg übernahmen die Briten das Areal und stationierten hier dreißig Dakotas, die während der Berlinblockade bis zu hundert Einsätze am Tag flogen, um die Bevölkerung der Inselstadt mit Kartoffeln und Kohlen zu versorgen. Mitte der Fünfziger wurde der zivile Flugbetrieb wiederaufgenommen. Seit der Wende boomt die Anlage. Doch trotz des neuen Empfangsgebäudes haftet ihr nach wie vor etwas sympathisch Provisorisches an. Außerdem sind die Parkplätze am Rand des Rollfelds erschwinglich.
Conny ließ mich neben den Schlagbäumen an der Einfahrt raus. Sie wartete nicht ab, bis ich den Volvo ausgelöst hatte, sondern wendete sofort. Wir konnten die Wagen später wechseln. Ich hatte Dörling endlich zu fassen gekriegt. Während einer Sitzungspause. Irgendein Kulturforum tagte. Er war in Mölln bei der »Stiftung Herzogtum Lauenburg«.
Ich fuhr über Groß Grönau und Pogeez entlang der Alten Salzstraße nach Süden. Parallel zur Straße glitzerte das Wasser. Dort, wo kein Bewuchs die Sicht verdeckt, entfaltet sich das Panorama des Ratzeburger Sees, majestätisch wie ein breites Band in die pralle Vielfarbigkeit der Weiden, Wälder und Knicke gegossen. Bizarre Wolkenskulpturen türmten sich auf, blendendes Weiß auf sattem Blau. Es roch nach Sommer und frisch gemähtem Gras.
Nördlich von Mölln verließ ich die B207, passierte Megamarkt, Tankstelle, Autohändler und Aldi und folgte der sanften Linkskurve, die zum Nadelöhr zwischen Stadt- und Schulsee an der nördlichen Einfahrt zur Altstadt führt.
Mölln liegt genauso malerisch wie Ratzeburg, umgeben von Wasser und üppigem Grün, an der Ostseite des Elbe-Lübeck-Kanals, eine Kleinstadt mit Backsteinfachwerk, Katzenkopfpflaster und gotischem Rathaus. An der höchsten Erhebung des Orts thront die spätromanische Wehrkirche St. Nicolai. Drum herum spenden mächtige Bäume Schatten. Zwischen ihren Wurzeln ruhen die Gebeine von Till Eulenspiegel. Der wurde hier angeblich stehend begraben, weil beim Absenken ein Seil riss und sein Sarg rebellierte. Wer weiß.
Ich habe mein Haupt mal über ihm gebettet, vor Jahren bei einer Radtour, als wir keine Lust auf Wald und Wildschweine hatten und unsere Schlafsäcke lieber auf dem Rasen neben der Kirche ausrollten. Morgens weckte uns ein alter humpelnder Küster mit einer Filterlosen im Mund und breitem ostpreußischem Akzent. Er fragte, ob wir gut auf Till geruht hätten, und lud uns zu fließend Kaltwasser und Handtuch ein. Gleich komme eine Schulklasse, der zeige er die Scherer-Orgel. Wir schlossen uns an. Er wusste hervorragend Bescheid und brachte die Elfjährigen mit Wendungen wie »ihr zarten Wohlstandskinder« auf Trab.
Jahre später, als ich wieder mal in die Kirche kam, fragte ich nach ihm. Die Dame, die die Basilika bewachte, gab vor, nicht zu wissen, wen ich meinte. Sie war jünger, stammte aus Holstein und war nicht unbedingt der Typ, der jungendlichen Landstreichern Wasser und eine Frühstückszigarette spendiert hätte.
Mein Ziel lag keine hundert Meter von St. Nicolai entfernt. Die Stiftung sitzt im Stadthauptmannshofs, einem Ensemble mehrerer Bauten, von denen das älteste 1404 für den Vertreter der lübischen Herren errichtet worden ist. Die Zufahrt befindet sich im Mühlengang, in den man von der Hauptstraße aus nicht abbiegen darf. Ich machte einen Bogen über den Mühlenplatz und parkte im Hof. Die Veranstaltung fand nicht in der gotischen Kommandantur statt, sondern schräg gegenüber im nicht minder imposanten Medaillongebäude, das hundertfünfzig Jahre jünger ist.
Man tagte im Hochparterre. Der Eingang war ebenerdig. Ein bebrillter Spätvierziger im grauen Kittel plauderte mit einem Geschöpf im blauen Kostüm, das gleich vornean hinter einem Tisch den Zerberus gab. Sie musterte mich wenig begeistert, legte die Hände übereinander und eröffnete mir ungefragt, die Räumlichkeiten seien für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
»Heute tagt hier das Kulturforum. Ich fürchte, ich muss Sie daher bitten ...«
»Ich bin mit Herrn Meinhard Dörling verabredet. Er erwartet mich. Es ist dringend.«
»Ich kann da jetzt nicht einfach reinplatzen und irgendwen für Sie rausholen.«
Sie mochte mich nicht. Mein Hemd roch ihr zu streng. Statt sie weiter zu bitten, zückte ich das Telefon. Dummerweise hatte Dörling seines schon wieder ausgeschaltet.
»Wo findet die Konferenz denn statt?«
Sie lächelte entnervt. »Was stellen Sie sich vor! Wollen Sie da etwa selbst ...«
»Tut mir leid. Es ist wirklich dringend.«
Ich war schon an den beiden vorbei und lief die Treppe hoch. Sie protestierte. Der graue Kittel polterte hinter mir her. Im ersten Stock gab es nur eine Tür. Der Kittel war mir hart auf den Fersen, fluchte, er habe hier Hausrecht, und drohte mit der Polizei. Da hielt ich schon den Griff in der Hand. Die Tür schwang auf. In einem saalartigen Raum saßen ungefähr achtzig Leute überwiegend männlichen Geschlechts und blickten auf eine Empore. Quer gestellte Tische dienten fünf Herrschaften als Podium. Eben bemühte eine brünette Dame, die links außen saß, ihr Mikrofon. Sie besaß eine helle, scharfe Stimme.
»Es freut mich, dass der Kreispräsident unsere Initiative lobt. Umso weniger verstehe ich, wieso er es dann ablehnt, sie zu unterstützen, sondern die Verantwortung auf die Wirtschaft abwälzt ...«
Das ging an einen Lokalpolitiker auf dem Podium, der mit leidgeprüfter Watschenmannmiene ihre Worte an sich abperlen ließ.
Ich entdeckte Dörling nirgends und folgte den Stuhlreihen nach vorn. Der Kittel setzte mir nach. Er wirkte so erbost, dass wir Blicke auf uns zogen. Der Moderator, ein rundlicher Endfünfziger mit barocken Schmolllippen, unterbrach die Diskussion und warf uns über seine Lesebrille einen unwirschen Blick zu. »Kann ich den Herren behilflich sein?«
Der Kittel zeigte mit dem Finger auf mich. »Der ist einfach so die Treppe hoch. Ich wollte ihn aufhalten, aber er hat sich nicht stoppen lassen.«
Der Moderator wandte sich an mich. »Was suchen Sie hier?«
Bevor ich antworten konnte, wanderte in der ersten Reihe Dörlings weißer Lockenschopf nach oben.
»Schon gut«, erklärte er lächelnd. »Ich bin gemeint. Verzeihen Sie ...« Er schob sich an den Sitzenden vorbei und kam auf mich zu. Neugierige Blicke folgten ihm. Der Kittel wartete, um sicherzustellen, dass ich mich auch tatsächlich trollte. Draußen lächelte Dörling immer noch, eingefroren.
»Musste das sein?«, sagte er, sobald in den Hof traten. »Ihr Anruf eben war schon befremdlich genug. Wieso soll Weiden nicht erfahren, dass Sie wieder im Lande sind?«
»Gehen wir ein paar Schritte. Wenn Sie hören, was in Frankreich passiert ist, werden Sie es verstehen.«
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